APULIEN:
DES STIEFELS STATTLICHER ABSATZ
erschienen im LTU-Magazin
Urwüchsige Küste plus Naturschutzgebiet plus Kultur - alles verschont vom Massentourismus. Wo sonst in Europa findet sich noch diese Kombination?
Dolcefarniente, das süße Nichtstun - in Apulien gelingt es noch. Dafür sorgen schon die wunderbare Küche der Region und ein Klima, das zwangsläufig langsam macht. Eine kaum zersiedelte Landschaft mit ihren ausgedehnten Olivenhainen und flammendroten Klatschmohnfeldern beruhigt jeden noch so gestreßten Städter. Und überall herrscht kultivierte Ordnung: Apulien wirkt, als habe gerade ein kollektives Großreinemachen stattgefunden. Sollte noch in einigen Köpfen das Vorurteil des südländischen Schlendrians hausen, hier findet es sein endgültiges Dementi.
Der längste und schönste Küstenstreifen Italiens schmückt sich mit bizarren Felsenstränden, feinsandigen Badebuchten und geheimnisvollen Meeresgrotten , die nur von der Wasserseite aus zu erreichen sind. Apuliens Urlaubsqualitäten werden bislang besonders von Einheimischen geschätzt: Wo Italia noch wirklich bella ist, verbringen viele Norditaliener ihre Sommerferien.
KULTURMIX IM OLIVENLAND
Daß dieser südliche, traditionell eher arme Landstrich Italiens auch mit den Relikten einer überaus reichen Kulturgeschichte aufwarten kann, wissen bislang nur Insider.
Puglia teilt das Schicksal so mancher europäischer Küstenregion: Seit dem 4. Jahrtausend v. Chr. kamen immer wieder neue Eroberer über das Meer und hinterließen Fragmente ihrer jeweiligen Kultur dort, wo heute die Hälfte des italienischen Olivenöls und das Gros des Getreides produziert wird.
So darf man denn auch alles erwarten, nur keine Einheitlichkeit in Sachen Stil. Doch wie so oft: Die Mischung machts! Da gibt es frühe Felsengräber und Höhlenstädte (z.B. Matera) und Amphitheater aus der Hoch-Zeit des römischen Imperiums (in Lecce und Lucera). Romanische Kuppelkirchen und Meereskathedralen mit byzantinischen Wandmalereien (z.B. in Molfetta). Mediteran verspielte Mosaike (u.a. auf den Tremiti-Inseln) und eine nur in Apulien beheimateten Spielart des Barock schmücken nahezu jede Ortschaft.
Nicht zu vergessen die Trulli. Was wie eine Pasta-Sorte klingt, ist das Wahrzeichen der Provinzen Bari, Brindisi und Taranto. Die heitere Architektur der typisch apulischen Rundbauten hat in Europa nirgendwo sein Pendant. Kegelförmige Dächer mit ihren Pinnacoli genannten Spitzen verleihen den kleinen Häusern eine Possierlichkeit, die ihre robuste Bauweise verleugnet. Besonders strahlende Trulli-Ansiedlungen finden sich rund um den Hafenort Ostuni, der weißen Stadt. Und natürlich in Alberobello, einem Städtchen mit dem eigenwilligen Charme eines bewohnten Freiluftmuseums, wo über 1000 Exemplare den historischen Stadtkern bilden. Woher die Bauidee für die Trulli stammt, ist nicht zweifelsfrei belegt. Man vermutet einen orientalischen, vielleicht syrischen Ursprung. Fest steht:
EIN TRULLO KOMMT SELTEN ALLEIN.
Trulli sind immer in Gruppen angeordnet, wobei mehrere Trulli ein Wohnhaus ergeben. Wer einen Ausflug ins Trulli-Land rund um Alberobello plant und wanderfreudig ist, der sollte dafür zwei Tage veranschlagen. In der landschaftlich bezaubernden Umgebung, nur fünf Kilometer vom Örtchen Putignano entfernt, liegen Le Grotte di Castellana, eine weitere Attraktion der Provinz Taranto. Mit zwei Kilometern Gesamtlänge gehören die Grotten zum imposantesten Tropfsteinhöhlensystem Europas. Sicher - manch einem genügt vielleicht der Blick auf das imposante Foyer der Höhle (Deckenhöhe 60 Meter!). Es lohnt sich aber, eine der ausgedehnten Führungen bis hin zur Grotta Bianca mitzuwandern. Gut zwei Stunden dauert eine solche Tour, und das ist gut so. Denn die glitzernde Welt der Stalaktiten und Stalagniten öffnet sich nur zögernd dem lichtverwöhnten Auge - eine Entspannungsmethode der ganz besonderen Art.
HISTORIE UNTER TAGE
Vieles in der wechselvollen Geschichte Apuliens spielte sich jenseits des Tageslichts ab: In Massafra, weiter südlich auf dem Stiefelabsatz, gibt es gleich eine ganze unterirdische Stadt zu besichtigen - ein Muß für jeden kulturell interessierten Touristen. Doch zurück zu den Castellana-Grotten. Wen nach dem Höhlengang der Hunger quält, der kehrt in der autofreien Altstadt Putignanos in einer Trattoria ein. Antipasti-Liebhaber finden hier ihr Mekka, Pastafreunde sowieso. Orechiette (Öhrchen) heißen die Lieblingsnudeln der Apulier, die fast überall noch von Hand gerollt werden: Mit keiner Pastasorte lassen sich Saucen besser gabeln! Dazu einen der quirligen, leichten Weißweine der Region - und einer späteren Besichtigung der Barockkirche San Pietro steht nichts mehr im Wege.
GASTLICHKEIT IST EHRENSACHE
So vieles gibt es in Apulien zu besichtigen und zu entdecken - es ist ein kleines Wunder, daß nur wenige ausländische Gäste sich bislang in den Südzipfel Italiens verirren. Andererseits konnten traditionelle Strukturen und ein geruhsamer Lebensrhythmus nur durch die regionale Abgeschiedenheit von den Ballungszentren des Nordens überleben. Jeder neue Gast sollte das im Hinterkopf behalten.
Daher ein Tip für den, der den Kontakt zu Einheimischen sucht: Apulier begegnen Fremden mit einer neugierigen Freundlichkeit. Wer die Landessprache auch nur bruchstückhaft beherrscht, dem öffnen sich Herzen und Türen. Unverblümt wird man nach dem Job, der Familie, dem Einkommen gefragt. Antworten Sie frei heraus - denn auch das gehört zu Apuliens sympathischer Kultur.
Infos:
Einreise: Personalausweis genügt.
Informationen vor Ort:
AAT = Assessorato al Turismo, und
Pro loco = Fremdenverkehrsbüros in fast jeder Stadt.
Klima:
milde Winter, heiße Sommer. Durchschnittstemperatur Juli-August 26° C. Beste Reisezeit: Frühsommer zur Mohnblüte.
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