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WARUM ZIGARRE?
Hörbeitrag, WDR II


Churchill konnte nicht ohne. Baudelaire und Liszt gingen sogar mit ihr ins Bett. Paul Newman hat sie täglich. Bruce Willis und Arnold Schwarzenegger saugen an ihr wie an der Mutterbrust. Der Rest der Menschheit haßt sie von ganzem Herzen.

Sie hat Liebhaber oder Verächter - dazwischen gibt es nichts.
Der Rauch einer edlen Havanna ist für die einen Genuß in Vollendung, für andere Gestank der übelsten Sorte.
Kaum ein Genußprodukt hat, epochenübergreifend, das Kunststück vollbracht, unterschiedlichste Zielgruppen gleichzeitig anzusprechen: Im 19. Jahrhundert den Dandy ebenso wie das biedere Bürgertum.
Die intellektuelle Avantgarde gleichermaßen wie die Monarchisten und Erzkonservativen im beginnenden 20. Jahrhundert.
Im ausklingenden Jahrtausend erlebt die Zigarre nun ihre große Renaissance: südamerikanische Revolutionäre lieben sie mit der gleichen tiefen Passion wie die Erzfeinde aus dem imperialistischen Norden.

Aber, auch wenn Demi Moore sich heute hin und wieder eine - politisch unkorrekte - kubanische Robusto zwischen die Lippen klemmt: Das nicht gerade preiswerte Vergnügen, Zigarrenraucher zu sein, leisten sich überwiegend Männer.
Die Attitüde ist dabei stets dieselbe: Ich rauche - also bin ich. Ich bin anders, ich bin ein Genußmensch, ich bin potent - in vieler Hinsicht.
Doch nicht jeder Mann verfolgt mit dem Zigarrerauchen einen modischen Trend:
Ein glühender Verehrer der Zigarre, ein echter 'Aficionado', ist Bodo Hombach.

Ein Mann wie ein Fels, einer dem man ansieht, das ihm Sinnesfeuden nicht fremd sind.
Der wirtschaftpolitische Sprecher der SPD in Nordrhein-Westfalen raucht das edle Kraut nicht erst, seitdem es wieder en vogue ist.

O-Ton. Hombach:
"Ich bin von den klassischen starken Zigaretten der 80er Jahre, Gauloise und filterlos, umgestiegen. Zunächst auf Zigarillos. Die waren mir zu filigran. Dann auf Zigarren, um das Inhalieren zu lassen. Das fiel mir leicht, das hat mich spontan von der Zigarette weggebracht.
Das ist ungefähr zehn Jahre her. Und seitdem bin ich dabei."

Also: Zigarre als Entzugsgerät? Muße statt Hektik? Qualität statt Junk Food? - Das erklärt Vieles.
Nicht allerdings, warum dieser Trend so fest in Männerhand ist.
Historisch gesehen haben Frauen immer, nicht nur gegen die Zigarre, nein, gegen den Qualm im allgemeinen gekämpft. Das mag mit ihrer nachweislich besseren Nase zusammenhängen.
Interessanter ist allerdings die These, daß vielmehr das Verbot in der Öffentlichkeit zu rauchen, die Frauen jahrhundertelang auf die Barrikaden brachte. Motto: Wenn wir nicht dürfen, vermiesen wir Euch auch den Spaß.
Was ist also, wenn sich Hombach, sagen wir, im Restaurant, in weiblicher Begleitung befindet und diese sich am blauen Dunst stößt?

O-Ton. Hombach:
"Ich war noch nie mit einer Frau im Restaurant, die sich an 'ner Zigarre stört."

Aha, alles eine Frage der Partnerwahl.
Aber vielleicht die anderen Gäste...?

O-Ton. Hombach:
"Restaurants, in denen man sich daran stoßen würde, daß jemand eine Zigarre raucht,
kenne ich nicht von innen."

Okay, geschenkt.

Halten wir also fest: die Frau von Welt toleriert heute eine gute Havanna.
Dafür rümpft sich auch keine männliche Nase mehr, wenn sie selbst zur Rauchware greift. Im Gegenteil, dahinter verbirgt sich offenbar das gewisse Etwas:

O-Ton. Hombach:
"Ein Mann der Zigarre raucht, der erweckt bei mir den Eindruck, daß kann gemütlich werden.
Und wenn er seine Zigarre auch noch beherrscht, dann ist es so, als wenn er was von richtigem Wein versteht. ... Ein Faszinosum ist das nicht.
Aber: Eine Frau, die ihre Zigarre gut raucht, das ist etwas Faszinierendes...."

Eine Aura, die mich leider nie umgeben wird! Der Selbstversuch mit der besten Zigarre der Welt, einer kubanischen Cohiba A, mißlingt, weil mir davon nach zwei Zügen schlecht wird. Schade!
Die Cohiba wurde nach der Revolution von Castros besten Zigarrendrehern zur Perfektion getrieben.
Ihre limitierte Auflage war ausschließlich Fidels Kampfgenossen und Funktionären vorbehalten.
Heute ist die Cohiba das Kultobjekt des Klassenfeinds. Das Stück zu 56,-- Mark.
Man muß halt mit der Zeit gehen. Alles eine Frage des ideologischen Fundaments.

Nungut, ich finde keinen Geschmack an der Stange. Aber hinter dem Kult um die Zigarre steht ja so viel mehr!
Man kann Bauchbinden sammeln.
Man kann Abende lang über Wickeltechniken reden, ohne dabei das Thema Windeln auch nur annähernd zu streifen.
Man kann damit angeben.
Und man kann sie rauchen und dabei ins Philosophieren kommen.
Wichtig ist dabei nicht alleinwas man raucht, sondern auch wie man es raucht:

O-Ton. Hombach:
"Das ist die Art und Weise des Umgangs mit der Zigarre. Das fängt beim Anschneiden an.
Der wirkliche Kenner braucht das Werkzeug nicht, er kann das mit den Fingernägeln sehr viel besser. Wie er das Blatt behandelt, in welchen Zügen, in welchem Abstand er seine Zigarre raucht. Wie er mit der Asche umgeht. Da gibt es so viele kleine Gesten, die erkennen lassen, ob er die Zigarre mag und umgekehrt sie ihn dann auch.
Also ich glaube, wenn man sich Mühe gäbe, könnte man eine kleine Psychologie des Zigarre- Rauchers aufstellen. Ich wüßte wenige alltägliche Handlungen, die so aufschlußreich sind. Wie jemand schreibt, sagt nicht so viel über ihn, wie jemand sein Bier trinkt auch nicht. Vielleicht, wie jemand seinen Wein behandelt."

Damit kann ich schon mehr anfangen!

Trotzdem: Von echten Genußrauchern wie Bodo Hombach mal abgesehen - wieso qualmt heute jeder, der etwas auf sich hält, eine Romeo y Julietta, eine H. Upman oder eine Joya de Nicaragua?
Wo er vor zwei Jahren noch nicht mal wußte, wie man das schreibt?

Ist es Zeigelust oder Imponiergehabe? Status oder Eros?
Steht die Zigarre vielleicht in irgendeiner Relation zu den Körpermaßen des Rauchers?
Oder zu den gewünschten Maßen? (Lang und dünn für Dicke und Breite. Oder dick und kurz für Lange Dünne?)
Fragen über Fragen ...

Eindeutig ist nur, daß Frauen lieber Zigaretten rauchen. Was sie in aller Regel nicht attraktiver macht.
Womit zweierlei feststeht:
Erstens ist die orale Fixierung von Frauen offenbar nicht so stark ausgeprägt, wie sich Männer das wünschen würden.
Und zweitens darf nunmehr als bewiesen gelten, daß es Frauen wirklich nicht auf die Größe ankommt.
Aber ich schweife ab ...
Ach, wenn doch nur alle diese vermeintlichen Kenner etwas von dem Fingerspitzengefühl eines Bodo Hombach mitbringen würden!
Er weiß nicht nur, wie man eine Zigarre raucht, sondern auch wann:

O-Ton. Hombach:
"Es paßt nicht jede Zigarre paßt zu jedem Anlaß.
Es wäre der Situation und der Zigarre gegenüber nicht angemessen, in einer Konferenz eine Zigarre auszupacken. Das wäre mehr ein demonstrativer Gestus denn ein Genuß."

Exakt. Aber leider geht es der Mehrheit derer, die auf der neuen Welle surfen, um eben diesen Gestus!
Beispiel:
Neulich, vorm Breidenbacher Hof (in Düsseldorf, wo sonst.)
Ich warte auf ein Taxi.
Vor mir steht ein Mit-Dreißiger im Edel-Trench.
Der ganze Mann ein einziges Statussymbol. Er saugt hektisch an einer Lancero Robusto.
Ein Wagen kommt. Ich will ihm den Vortritt lassen, schließlich war er vor mir da.
Die Verachtung in seinem Gesicht ist grenzenlos:
"Ich mache doch meine Cohiba nicht aus, bloß weil jetzt gerade ein Taxi kommt."

Pardon!
Hoffentlich war's eine Fälschung ...

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