Bericht über den Besuch Gerhard Schröders mit hochkarätiger Delegation auf Cuba/ bei Castro
Neue Westfälische 14.11.1996
HOMBACH RÄT ZU MITTELSTÄNDISCHEM ENGAGEMENT AUF KUBA
Industrie und Politik erteilen in Havanna der US-amerikanischen Embargopolitik ein klare Absage.
Eine hochkarätige deutsche Wirtschaftsdelegation unter Leitung des niedersächsischen Ministerpräsidenten Schröder besuchte letzte Woche die kubanische Hauptstadt, zeitgleich Schauplatz der 14. FIHAV, einer der bedeutendsten Industriemessen Lateinamerikas.
Trotz oder gerade wegen des amerikanischen Wirtschaftsembargos gegenüber dem sozialistischen Inselstaat erfreut sich Kuba wachsenden Interesses innerhalb der westeuropäischen Geschäftswelt. In unbekannter Einhelligkeit verurteilen die EU-Mitgliedsstaaten das Mitte des Jahres vom US-Senat verabschiedete Helms-Burton-Gesetz. Der rigide Maßnahmenkatalog mit dem Ziel, das Castro-Regime endgültig wirtschaftlich zu isolieren, droht Unternehmen, die Kapitalfluß nach Kuba tätigen, mit dem Ausschluß ihrer Geschäftsmöglichkeiten in den USA - bis hin zum Einreiseverbot von Beschäftigten betroffener Firmen und ihrer Familien.
Schröder, bereits zum dritten Mal auf Kuba wurde erneut zu einem Vier-Augen-Gespräch von Castro empfangen. Erstes Ergebnis der Reise: der Auftrag zum Bau eines Containerschiffes für die niedersächsische Werftindustrie.
Der publicityträchtige Vorstoß Schröders ließ in den Hintergrund treten, daß die namhaftesten deutschen Engagements aus Nordrhein-Westfalen stammen: Preussag, Thyssen, Bayer, West-LB. Allen voran die LTU-Gruppe, deren Geschäftsführer Driessen sich über eine seit dreizehn Jahren beispiellos erfolgreiche Zusammenarbeit im Touristiksektor freuen darf. LTU und die Hotelkette LTI betonen jedoch sicherheitshalber, daß sie keine Direktinvestitionen auf Kuba tätigen, sondern lediglich befristete Managementverträge mit kubanischen Partnerfirmen eingehen.
LTU präsentiert sich auch in anderer Hinsicht als Kubas 'gran amigo': Unter Schirmherrschaft der UNESCO wurden an Bord der Ferienflieger Passagierspenden gesammelt. In kurzer Zeit kamen so 750.000 DM zusammen, die nun zur Hälfte an 6 kubanische Sonderschulen fließen. Darüber hinaus ließ Driessen in den vergangenen drei Jahren gut 400 Tonnen Hilfsgüter nach Kuba einfliegen.
Preussag verfolgt ein außenpolitisch heikleres Projekt: Man hat sich der Rekonstruktion einer Nickelgrube im Südosten des Landes angenommen und wird dafür zunächst mit Rohstofflieferungen entschädigt. Der Geschäftsführer der Preussag-Handel und wirtschaftspolitische Sprecher der SPD im Landtag, Bodo Hombach, ebenfalls mit der Schröder-Delegation unterwegs und bei nahezu allen Gesprächen anwesend, gibt sich allerdings gelassen und ausgesprochen zufrieden über das Ergebnis seiner Mission: "Helms-Burton greift bei uns nicht: Wir investieren nicht, sondern helfen lediglich in einem 5-Schritte Plan beim Wiederaufbau. Damit befähigen wir die Kubaner zunächst, ihre ökologischen Probleme beim Abbau von Nickel zu bewältigen. Danach folgt die Optimierung von Förderung und Vermarktung."
In ungewöhnlicher Allianz mit LTU-Chef Driessen will Hombach nun ein 2-seitiges Thesenpapier erstellen. Thema sind 'die ökonomischen Aspekte am Rande des Tourismus': "Wir werden die Kubaner in ihrem Umbauwillen beim Wort nehmen. Dazu gehört aber auch, daß wir volkswirtschaftliche Unsinnigkeiten beim Namen nennen."
Hombach, immer auch als Politiker unterwegs, machte sich nicht nur anläßlich seiner vielbeachteten Rede auf der FIHAV zum Sprecher kleinerer und mittlerer Unternehmen: "Der klassische Mittelständler mit der ihm eigenen Flexibilität und Zähigkeit wäre der ideale Partner für die kubanische Wirtschaft." Leider ergibt sich dabei ein dialektisches Problem: "Mittelständler hassen Bürokratie." Und die gibt es im Sozialismus zuhauf, marktwirtschaftliche Öffnung hin oder her. Vielleicht zielt Cuba auch aus diesem Grund noch bevorzugt auf die Zusammenarbeit mit großen Namen wie Preussag ab. Doch steter Tropfen höhlt den Stein: "Es gibt viele Gebiete, in denen Konzerne weniger handlungskompetent sind. "
Die größten Chancen für kleine und mittlere Betriebe, schnell und erfolgreich ins Geschäft zu kommen, sieht Hombach in den Bereichen Bergbau-Zulieferung, Gebrauchtanlagen und -Maschinen sowie bei Nutz- und Transportfahrzeugen.
Darüber hinaus hat Kuba schwerwiegende Probleme bei der Energieversorgung. Der Einsatz von Solar- und Windtechnik, in Deutschland am erfolgreichsten von kleineren Firmen vorangetrieben, ist geradezu zwangsläufig ein sicherer und sinnvoller Markt für den tropischen Inselstaat.
Auch Kooperation von Großkonzernen und innovativen Kleinfirmen bieten sich an: Thyssen will mit der kleinen deutschen SEP Plantikow eine windkraftgetriebene Meerwasser-Entsalzungsanlage in Kuba errichten: nach 6 Jahren wird sich die wartungsfreundliche Anlage amortisiert haben - schädliche Emmissionen gibt es keine. Abnehmer für derlei Anlagen gibt es wiederum vor allem im touristischen Sektor, denn dort sind die nötigen Devisen für die Anschaffungsinvestition vorhanden. Eine deutsch-kubanische Betreiber-Gesellschaft sorgt für die nötige bilaterale Kontrolle - und alle sind's zufrieden.
Die Initiatoren des sowohl okönomisch als auch ökologisch sinnvollen Energiekonzepts kommen einmal mehr aus Nordrhein-Westfalen: Caribic Consult mit Sitz in Bielefeld und Münster.
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